«Obwohl von aussen relativ bescheiden auftretend, ist die Villa Däster-Schild ein herausragendes Beispiel einer Grenchner Fabrikantenvilla aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Durch ihre baulichen Erweiterungen (…) weicht sie in der Formgebung von anderen bekannten Grenchner Fabrikantenvillen ab und stellt sich daher als Solitär dar, den es gerade deswegen zu erhalten gilt.» (Auszug aus der Schutzwertbeurteilung der kantonalen Denkmalpflege von 2020).
Die Geschichte der Villa beziehungsweise des Däster-Schild Hauses, wie die Stiftung es heute nennt, spiegelt sinnbildlich die Entwicklung Grenchens vom Bauerndorf zur Industriestadt wider. Ursprünglich als Bauernhaus mit Wohn- und Ökonomieteil erbaut, wird das Gebäude in mehreren Etappen zur Fabrikantenvilla mit stilvoll gestaltetem Garten umgebaut. Damit unterscheidet sich das Däster-Schild Haus deutlich von anderen Fabrikantenvillen, die um die vorletzte Jahrhundertwende zumeist in einem Zug und mit ausgeprägt repräsentativem Charakter errichtet werden.
Die älteste bislang bekannte Erwähnung eines Gebäudes an der heutigen Rainstrasse 3 datiert von 1811. Auf dem Zehntenplan des Klosters St. Urban von 1819 sind das Hauptgebäude und ein Wohnstock an der Kirchstrasse 32 bereits verzeichnet. Nach dem Tod des damaligen Eigentümers Eusebius Gast-Ammann erhält dessen Sohn Johann das Wohnhaus und die beiden Nichten den Wohnstock je zur Hälfte. 1860 verkauft Notar Heinrich Gast Ottiker das Anwesen an den Fabrikanten Anton Schild-Schnyder.
Acht Jahre später, im Mai 1868, zerstört ein Brand das Gebäude sowie mehrere Nachbarhäuser und den benachbarten Kirchturm. Der Wiederaufbau erfolgt bald darauf, vermutlich unter Verwendung der alten Bruchstein-Aussenmauern. Der Katasterplan von 1870 zeigt das wieder er richtete längsrechteckige Gebäude mit einem Anbau auf der Nordseite, einem kleinen Remisengebäude sowie einer südöstlichen Gartenanlage. Die Grundrissstrukturen im Erdgeschoss entsprechen weitgehend dem heutigen Zustand: Vom Haupteingang an der Südseite führt der für Bauernhäuser typische lange Korridor nach hinten zur Geschosstreppe und zum Ausgang auf der Nordseite. Er unterteilt das Gebäude in einen westlichen Teil mit Tenn und Stall und in einen östlichen Teil mit Wohnräumen und Küche. Der südseitige Balkon mit verziertem Balkongeländer und der Jahreszahl 1870 zeugt bis heute vom Stolz und von der Freude der damaligen Besitzer über das wieder aufgebaute Haus.
1873 übernimmt Antons Sohn, Adolf Schild-Hugi, die Liegenschaft. In der Folge erfährt das Obergeschoss in den Jahren 1879/80 eine Erweiterung und die Innenausstattung eine Aufwertung: Das Tenn wird zu zwei Dritteln in Wohnraum umgewandelt. Entlang eines langen, schmalen Längskorridors, der von West nach Ost führt, werden drei neue südseitige Zimmer mit Fenstern errichtet. Im Erdgeschoss bleibt der Stall auf der Westseite weiterhin bestehen. Auf der Ostseite entsteht durch den Abbruch der Trennwand zwischen den Südzimmern ein grosser Salon.
Eine zweite bauliche Zäsur erfolgt 1917, zwei Jahre nach dem Ableben von Adolf Schild-Hugi. Im Auftrag seiner Witwe Pauline Schild-Hugi und des Sohnes Robert Schild wird der entscheidende Ausbau zur repräsentativen Fabrikantenvilla vorgenommen. Unter der Leitung des Solothurner Architekten Emil Altenburger wird der nordseitige Anbau aufgestockt und erhält ein neues Tenn mit einem Tor, das von der etwas höher gelegenen Kirchstrasse über eine Auffahrtsbrücke erschlossen wird. Im Erdgeschoss entstehen zusätzliche Räume wie ein Knechtenzimmer und ein Heizraum. Der Stall wird verkleinert, und an seiner Stelle wird ein herrschaftliches, aufwendig ausgestattetes Musikzimmer mit Holzvertäfelung, Damastbespannung, einem Cheminée und einer reich gestalteten Stuckdecke eingerichtet. Von Süden her wird der Raum durch ein grosszügiges, bis heute erhaltenes Hebefenster belichtet. Auch der grosse Salon im Erdgeschoss wird umgestaltet und in zwei Räume unterteilt: Nebst einem Eckschlafzimmer entsteht ein als Arbeits-, Spiel- und Bibliothekszimmer genutzter Raum mit Vollvertäfelung aus gebeiztem Tannenholz und diversen Einbauten wie Eckbank, Oberschränkchen, Regale und Radiatorennischen. Ergänzend werden neu offene Veranden sowie ein repräsentativer Garagen- und Gartenpavillon errichtet.
1922 folgt eine weitere Ausbauphase, erneut nach Plänen Altenburgers. Die Veranda von 1917 wird wieder abgebrochen und durch einen zweigeschossigen Anbau mit neuen Räumen im Erdgeschoss und einer verglasten Veranda im Obergeschoss ersetzt. Das Dachgeschoss, bisher nur Estrich, wird mit sechs Kammern ausgebaut und mit Papiertapeten ausgekleidet. Vier Lukarnen sorgen für das nötige Tageslicht. Der Bau des nordseitigen WC-Turms lässt sich nicht eindeutig datieren und fällt noch in diese oder dann in die nächste Umbauphase.
Ein weiterer Umbau von 1927 bildet, was das Wohnhaus betrifft, den Abschluss der historischen Bauetappen. Der westliche Teil des Erdgeschosses, bis dahin Stall, wird vollständig zu zwei hochwertig ausgestatteten Bibliothekszimmern umgebaut. Ein grosser Durchgang mit verglasten Schiebetüren verbindet sie mit dem Musikzimmer, das durch den Einbau einer Wand verkleinert wird. Das massive Cheminée bleibt damit für fast hundert Jahre hinter einer Trennwand verborgen. Im Obergeschoss verschwinden mit dem Einbau neuer Fenster die letzten Spuren des früheren Tennentors. 1931/32 erfolgt der Abbruch früherer Nebengebäude (Remise, Hühnerstall) und der Ersatzneubau des Garagengebäudes mit einer Gartenlaube.
Über die vielen Etappen hinweg werden immer wieder verschiedene Fischgrat- und Tafelparkettböden verlegt, die bis heute erhalten geblieben sind. Unter anderem finden sich in den Zimmern auch Böden der ehemaligen Parkettfabrik von Grenchen. Die kantonale Denkmalpflege hält in ihrem Gutachten von 2020 fest: «Der wahre Schatz erschliesst sich erst im Innern. Zum Teil herrschaftlich wirkende Ausstattungen aus verschiedenen Epochen von der Mitte des 19. Jahrhunderts an bis hin zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurden in einer aussergewöhnlichen Selbstverständlichkeit kombiniert und wirken als Einheit, obwohl jeder Raum seine eigene Handschrift hat. Sämtliche Materialien und Bauteile weisen dabei eine hohe handwerkliche Qualität auf. Aussergewöhnlich sind auch das Ausmass und der durchgehend gute Zustand der erhaltenen Ausstattungen. In praktisch jedem Zimmer sind sämtliche Böden, Vertäfelungen, Türen, Fenster, Tapeten und Gipsdecken integral erhalten geblieben. Das Ensemble dieser Ausstattungen gilt als einzigartig und stellt einen grossen kulturhistorischen und denkmalpflegerischen Wert dar.»
Die Däster-Schild Stiftung hat dem Erhalt der wertvollen Bausubstanz bei den jüngst vorgenommenen Sanierungs- und Umbauarbeiten in den Jahren 2025/26 grossen Wert beigemessen. Gleichzeitig ist sie sich ihrer Verantwortung bewusst und hat sich nicht gescheut, in der Tradition des Hauses, auch die Bedürfnisse der Gegenwart zu berücksichtigen, um den Ort nachhaltig zu stärken und mutig in die Zukunft zu führen.
Die Ausführungen stützen sich im Wesentlichen auf das Gutachten von Urs Bertschinger, Bauforscher und Restaurator, von Juni 2026.