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Wie die ASSA das Grenchner Stadtbild prägt

Die lebendige Tradition der Uhrmacherkunst prägt den Jurabogen von Genf über Grenchen bis nach Schaffhausen. Das Bundesamt für Kultur schreibt 2020 in
seiner Kandidatur für die Aufnahme in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit an die UNESCO: «Auch wenn das Uhrmacherhandwerk und die Kunstmechanik in erster Linie eine wirtschaftliche Bedeutung haben, so prägten sie doch auch die Architektur, die Stadtbilder und die sozialen Gegebenheiten in den betroffenen Regionen. Sie verfügen über eine ganz eigene Symbolik, in der Präzision, Raffinesse und Zeitlichkeit eng miteinander verbunden sind und einen wesentlichen Einfluss auf die lokalen und regionalen Identitäten ausüben.»

So auch in Grenchen: Vor dem Einzug der Uhrenindustrie zieht sich das Dorf Grenchen von Nord nach Süd dem Dorfbach entlang. Das neue Gewerbe verändert

die Siedlung grundlegend. Da zur Nutzung der Wasserkraft auch die ersten Uhrenfabriken am Dorfbach angesiedelt werden, gehen Wohn- und Industriegebiete fliessend ineinander über. Der Einsatz von Dampfmaschinen und die Verbreitung des elektrischen Stroms führen später dazu, dass die Produktionsstandorte unabhängig von der Wasserkraft gewählt werden können. Die Standorte der Uhrenfabriken inmitten von Grenchen sind deshalb ein städtebauliches Merkmal, welches das Ortsbild bis heute prägt.

Dank Pauline Schild-Hugis Grundbesitz kann die
A. Schild & Cie. auf dem Gebiet bei der «Unteren Mühle» ihre Fabrik gründen. Ab 1897 entsteht auf dem Areal zwischen Mühlestrasse, Schmelzistrasse, Schild-Hugi-Strasse und Ölirain für die Uhrenarbeiter:innen eine Stadt in der Stadt. Dieser Fabrikkomplex gilt heute als ein typisches Zeugnis für eine gewachsene Fabrikanlage, die über mehrere Jahre schrittweise entsteht, indem kleinere und ältere Gebäude durch neuere, meist grössere Gebäude ergänzt oder ersetzt werden.

Neben den Produktionsgebäuden befindet sich auf dem Areal auch das «ASSA Wohlfahrts-Gebäude». Als soziale Einrichtung dient es den Arbeiter:innen mit einer Betriebskantine zur Verpflegung und als Aufenthaltsraum. Um genügend Wohnraum für die zunehmende Arbeiter:innenschaft zu haben, bauen sowohl die Gemeinde als auch die Uhrenfabrikanten über die Stadt verteilt Mehrfamilienhäuser. Gemeinsam mit den Fabriken und den Wohnsiedlungen prägen auch die Villen ihrer Inhaber das Stadtbild von Grenchen. Im Vergleich zu den repräsentativen Fabrikantenvillen von Adolf Michel oder Seraphin Lambert ist das Familienhaus von Adolf und Pauline Schild-Hugi an der Rainstrasse 3 eher bescheiden und weist eine ähnlich vielschichtige Bauweise wie die der Fabrikkomplexe auf
(siehe Kapitel 1).

Im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung ISOS heisst es dazu: «In allen vor 1950 entstandenen Wohnquartieren, selbst in den Villenvierteln, befinden sich Uhrenfabriken und Ateliers. So präsentiert sich Grenchen als Resultat des ungeplanten Patchwork-Städtebaus. Eigentliche Industriezonen begannen sich erst im ausgehenden 20. Jahrhundert südlich der Kantonsstrasse und neuerdings auch südlich der Bahnlinie Solothurn–Biel zu entwickeln. Oben und unten am Hang, am Waldrand und in der unverbauten Ebene ist das Ortsbild klar begrenzt, seitlich hingegen franst es aus.»

Über Jahrzehnte prägt die ASSA nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung Grenchens, sondern auch das Stadtbild und die Identität der Stadt. Grenchen wird zu einem der bedeutendsten Zentren der Schweizer Rohwerkproduktion.

Und obwohl die ASSA 1978 in die ETA integriert wird, erinnert das Familienwappen Schild-Hugi noch heute am einstigen Haupteingang an der Mühlestrasse an Grenchens ehemalig grössten Industriebetrieb.