Die UNESCO nimmt das Uhrmacherhandwerk und die Kunstmechanik im Jahr 2020 in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Die Anerkennung geht auf eine gemeinsame Kandidatur der Schweiz und Frankreichs zurück und würdigt die grenzüberschreitende Tradition. Die Anfänge der Schweizer Uhrenindustrie reichen bis in das 16. und 17. Jahrhundert zurück. Damals bringen Hugenotten, also Protestanten, die vor religiöser Verfolgung aus dem katholischen Frankreich fliehen, ihr Wissen in der Uhrmacherei und Goldschmiedekunst in die Schweiz und tragen wesentlich zur Entwicklung des Uhrmachergewerbes bei. Mit ihrem handwerklichen Können leisten sie einen wichtigen Beitrag zu einer Entwicklung, die weit über die bis dahin vorherrschende Herstellung von Taschen- und Turmuhren hinausgeht und die Schweiz zu einem der bedeutendsten Zentren der Uhrmacherkunst werden lässt.
In Genf verbinden sich französische Uhrmacherkunst mit der Expertise des lokalen Goldschmiedegewerbes. Ende des 17. Jahrhunderts spezialisieren sich die Genfer Uhrmacher auf die Endbearbeitung in der Uhrenherstellung («Etablissage ») und geben die Fertigung von Rohwerken an kleine Unternehmen der ländlichen Regionen ab. So beginnt sich im 18. Jahrhundert die Uhrenindustrie in den dünn besiedelten Juratälern und weiter ostwärts auszudehnen.
In Grenchen fasst die Industrie vergleichsweise spät Fuss. Mitte des 19. Jahrhunderts wird jedoch aktiv nach neuen Einkommensmöglichkeiten in Landwirtschaft und Gewer be gesucht, so beispielsweise im Textilgewerbe oder in der Strohflechterei. Das Uhrmacherhandwerk wird zuerst nur vereinzelt praktiziert. 1851 stellt Josef Girard, Arzt und Besitzer des Bachtelenbades, bei der Gemeinde einen Antrag auf Einführung des Uhrmacherhandwerkes: Sein Vorstoss gilt als wichtiger Impuls für die spätere Ansiedlung des Uhrengewerbes und die Entwicklung der Grenchner Uhrenindustrie.
Anton Schild-Schnyder, Vater von Adolf Schild-Hugi und umtriebiger Unternehmer, wird als Mitstreiter von Girard ebenfalls aktiv: Er eröffnet in der «Garnbuchi» (vgl. Kapitel 5) eine erste Lehrwerkstatt mit Fabrikationsbetrieb. Seine Tochter erlernt das Handwerk im Welschland und gibt nach ihrer Heimkehr ihr Wissen u. a. auch an ihre Geschwister weiter. So zählt der Kleinbetrieb alsbald 15 Personen.
Zu dieser Zeit werden Uhren vorzugsweise im dezentralen System der Etablissage hergestellt. Die Netzwerke der Etablisseure führen zu einer regionalen Spezialisierung, die Josef Girard in Grenchen zu nutzen weiss, als er 1852 gemeinsam mit seinem Bruder Euseb Girard eine der ersten Uhrenfabriken Grenchens zur Rohwerkherstellung gründet.
Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird die Uhren-industrie mit fortschreitender Mechanisierung und Automatisierung in Grenchen zur Leitindustrie. Eine Vielzahl von Betrieben unterschiedlicher Grösse prägen das Stadtbild. Dazu gehören auch die Firmen der Söhne Anton Schild-Schnyders: Urs Schild, zuerst Lehrer und Bezirksweibel, steigt in das Geschäft ein und baut seine eigene Firma zu einem Grossunternehmen auf, das nach seinem Tod ab 1906 den Namen Eterna tragen wird. Adolf Schild-Hugi arbeitet zunächst als technischer Leiter in der Firma seines Bruders und gründet 1896 seine eigene Firma A. Schild & Cie., die nach seinem Tod im Jahr 1915 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wird und bis 1978 als A. Schild SA (ASSA) fortbestehen wird (siehe Kapitel 5).
Grenchen wird von wirtschaftlichen Auf- und Abschwüngen jeweils stark ergriffen: Auf Phasen des Aufschwungs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Hochkonjunktur Mitte des 20. Jahrhunderts und der wirtschaftlichen Erholung zu Beginn der 1990er-Jahre, folgen Krisen wie diejenige in den 1870er-Jahren, die Nachkriegs- und Weltwirtschaftskrise in den 1920/30er-Jahren sowie die gravierende Krise der 1970er-Jahre (siehe Kapitel 6).
Der tiefgreifende Wandel von einer bäuerlich-hand-werklich geprägten Gesellschaft hin zu einer industrialisierten Wirtschaft mit maschineller Gross- und Massenproduktion verändert das Leben der Menschen grundlegend. Gleichzeitig geht der wirtschaftliche Aufschwung mit erheblichen sozialen Spannungen einher und führt zu zahlreichen Arbeitskämpfen und Streiks. Einen dramatischen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung während des Landesstreiks von 1918, bei dem in Grenchen drei Uhrenarbeiter ums Leben kommen. In dieser Zeit beginnen sich die Arbeiterschaft und insbesondere die Beschäftigten der Uhrenindustrie in ersten Arbeitnehmerorganisationen zusammenzuschliessen, um ihre Interessen zu vertreten und ihre Rechte gemeinsam einzufordern.